Die Göttin, Gemälde von Regina Nußbaum

Distanz in unruhigen Zeiten

Regina Nußbaum zeigt Bilder innerer Landschaften im Büze

Artikel von Hans-Willi Hermans, Kölnische Rundschau, 16. November 2017

Ehrenfeld. Das Bild wirkt vollkommen abstrakt, eine seltsam flirrende Oberfläche in warmen Gelbtönen – auch noch auf den zweiten Blick. Doch allmählich gewahrt der Betrachter die beiden gerade noch sichtbaren, dunkleren Schemen: Zwei längliche Rechtecke, die sich nebeneinander von der Unterkante des Bildes in die Höhe recken. Es sind die Zwillingstürme, die längst zur Ikonographie des Jahrhunderts gehören.

“Das ursprüngliche Bild habe ich gleich nach dem 11. September unter dem Eindruck des Terror-Angriffs gemalt”, erklärt Künstlerin Regina Nußbaum, die derzeit eine Auswahl ihrer Acryl-Arbeiten unter der Überschrift “Der Reiz der inneren Landschaften” im Ehrenfelder Bürgerzentrum zeigt.

Entsprechend düster war das Bild auch zunächst, doch inzwischen hat Nußbaum es mit wesentlich optimistischeren Farben übermalt und die historische Katastrophe gleichsam neutralisiert und in eine “innere Landschaft” überführt. “New York träumt” heißt jetzt die neue Version und ist ein Beispiel für das Programm der Künstlerin, die gerade in diesen unruhigen Zeiten einen Abstand von den äußeren Geschehnissen gewinnen möchte und versucht, ihren inneren Frieden und ihre Lebensheiterkeit zu bewahren.

“Enjoy your life” heißt deshalb ein großformatiges Triptychon, das den Spaß am Leben mittels tubolenter Linienführung und bunten Farben empfiehlt. Dass diese Haltung nicht ohne Mühe und Anstrengung zu haben ist, bezeugen die Bilder von Regina Nußbaum allerdings auch. Zunächst wirken sie so leicht wie intensiv, doch tatsächlich hat die Künstlerin diesen Eindruck erst mittels Auftragen mehrerer Farbschichten erzielt. Zudem ziehen sich durch einige der Arbeiten seltsame Linien fast wie Brüche, anderes scheint einmontiert, zuweilen müssen ganze Flächen weiß bleiben – allesamt Spuren einer längeren Auseinandersetzung.

Dabei nimmt Regina Nußbaum durchaus auch mal Zuflucht zu höheren Mächten: “Die Göttin” heißt eines der wenigen Bilder, auf denen eine Gestalt zu erkennen ist. Und diese hat die Arme ausgebreitet, einer bestimmten Religion lässt sie sich allerdings auf dem Werk nicht zuordnen. Die Ausstellung ist noch bis zum 2. Januar im Bürgerzentrum, Venloer Straße 429, zu sehen, und zwar montags bis donnerstags von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 20 Uhr.

Tor zur Selbstliebe, Gemälde von Regina Nußbaum (Ausschnitt)

Enjoy your Life, Tryptihon von Regina Nußbaum

Kunstausstellung: Der Reiz der inneren Landschaften

Regina Nußbaums intuitive malerische Reisen

Vom 4. November 2017 bis 2. Januar 2018 zeigt Regina Nußbaum im Bürgerzentrum Ehrenfeld Gemälde und Objekte unter den Titel “Der Reiz der inneren Landschaften”.

Vernissage: Samstag, 4. November, 19.30 bis 22 h.
Die Ausstellung kann außerdem während der BüzE-Öffnungszeiten besucht werden: Mo bis Do von 10-13 h und 14 bis 20 h, Venloer Straße 429, 50825 Köln-Ehrenfeld.

Rezession von Dr. Melanie Puff: “Wenn man Regina Nußbaums abstrakte Acryl-Bilder betrachtet, scheinen sie eine besondere Doppelbewegung im Schauenden auszulösen: auf der einen Seite gibt es da eine Art von bildimmanentem Sog, der direkt ins Bild hineinzuziehen scheint. Er bringt den Betrachter in eine meditative Versenkung, die ihn in innere Welten von ungeahnter Schönheit führt – ohne dass diese Erkundung eine romantische Überhöhung und Verklärung des Ichs bedeuten würde.

Es ist die Intensität des inneren Lichts, die Regina Nußbaums Bilder charakterisiert. Sie macht den oszillierenden Charakter der Bilder aus, bei dem in der Doppelbewegung dann aus dem Sog ins Bild hinein wieder ein Leuchten aus dem Bild hinaus wird, das den Malereien ein eigentümliches und geheimnisvolles Strahlen aus der Tiefe heraus verleiht. Es kündet von Begegnungen mit höheren Realitäten und anderen Dimensionen des Seins, in denen rationale Denkmodelle und die mit ihnen verbundenen Erwartungen ihre Gültigkeit verlieren und Zeit keine Rolle mehr spielt: sie dehnt sich, wird elastisch und erlaubt dem Individuum damit völlig neue Spielräume – vorausgesetzt, es ist bereit, sich dem Fluss hinzugeben und loszulassen.

Wenn der Betrachter diesen Prozess zulässt, eröffnet sich im Eintauchen in die Materialität der übereinander gelagerten Acrylschichten das Bewusstsein einer Reise durch die einzelnen Schichten des Ichs. Sein Auge wandert über die abstrakten Landschaften und entdeckt immer neue Möglichkeiten der Versenkung.
Stilistisch gesehen erhalten die abstrakten Farbschichten, die mal pastos und dick und mal leicht und lasierend aufgetragen sind, eine oszillierende Kraft aus der Überlagerung und Durchdringung verschiedener Farbtöne – entweder als harmonisches Spiel und Verlauf der Farben oder als deutlich gesetzter Kontrast der Farbkanten.

Es entstehen so Zonen des Friedens und der konflikthaften
Auseinandersetzung, der Ruhe und der Bewegung innerhalb eines Bildes. Die daraus resultierende Spannung ist die des Kampfes des Selbst, sich aus alten und unerträglichen Strukturen zu lösen. Kunst als Weg zum inneren Frieden – in dem Sinne kann dann letztendlich die Spannung immer aufgelöst werden, so dass aus jedem von Regina Nußbaums Bildern der Glanz des inneren Lichts leuchtet und dem Betrachter eine heitere Gelassenheit vermittelt.”

Über die Autorin:
Dr. Melanie Puff, geboren 1974, ist Kunsthistorikerin. Sie ist als freie Kuratorin und Kritikerin tätig und schreibt u.a. für das Kunstforum International. Dr. Melanie Puff hat Regina Nußbaum 6 Monate als artconsult beraten. Danach stieg sie unmittelbar in das Team von Gerhard Richter ein, für den sie einige Zeit international tätig war.